Blüten des Monats Februar & März

Schlehe und Kirschpflaume
Nachdem der Januar 2021 doch recht kalt war und zudem sehr nass geendet hat, bleibt es auch in den Gärten nach wie vor sehr trist. Aber die Vorfreude auf die Blütenpracht ist gross und so greifen wir einfach vor im Jahreslauf der Blüten wie schon im Januar!
Dieses Mal möchte ich euch zwei „Zwillinge“ vorstellen, die nicht viele Leute auseinander halten können in der Blütezeit. Auch ich bin oft unsicher, wer da so schön in einer Hecke blüht ... eine Schlehe (Prunus spinosa) oder eine Kirschpflaume (Prunus cerasifera)?
Letztere kennt man in den Gärten meist nur als Blutpflaume „Nigra“ mit rot-glänzendem Laub und rosa Blütenpracht. Aber es gibt sie eben auch in reinweissem Blütenkleid und Dornen, der Schlehe zum Verwechseln ähnlich.
Die Nachkommen der Kreuzung dieser beiden Wildobstarten kennt dagegen jeder. Aus ihnen sind unsere Kulturpflaumen hervorgegangen, also Edelpflaumen, Zwetschgen und Mirabellen (Quelle H. Hintermeier).
Zuerst möchte ich euch gerne die Schlehe vorstellen, ein einheimischer Strauch, der früher viel stärker zum Landschaftsbild gehörte als heute.
Schon in der Steinzeit wurde die kleinen, blauen Früchte mit Sicherheit genutzt, denn genauso wie bei der (im letzten Monat vorgestellten) Kornelkirsche wurden viele Kerne in den jungsteinzeitlichen Pfahlbauten in Italien und auch in der Schweiz gefunden. In Sipplingen am Bodensee wurde sogar eine Kette aus ihren Samen gefunden, was doch eine - aus heutiger Sicht - ungewöhnliche Nutzung war.
In antiken Texten wird sie als Heilpflanze gelobt, kein mittelalterliches Kräutermanuskript kam ohne Schlehe aus und man bezeichnete sie als „entschiedenste Wohltäterin des Menschen“ (Wikipedia).
Auch die Bandbreite der Namen spiegelt ihre Bedeutung für die Menschen wieder: Schlehdorn, Schwarzdorn, Sauerpflaume, Heckendorn und deutsche Akazie wird sie genannt.
Jeder Teil der Pflanze wurde als Medizin genutzt, zur Blutreinigung, Anregung von Verdauung und Stoffwechsel und als Schmerzmittel. Sie wirkt adstringierend, harn- und schweisstreibend.
Die Rinde wurde nicht nur als Gerbstoff und als Zahnpulver verwendet, sondern stellte als mehrfach ausgekochter Sud, mit Wein vermischt, einer der gebräuchlichen Tinten im Mittelalter dar.
Zu der Zeit galt die Schlehe auch als ein Schutzgehölz gegen Hexen und mancher Weiler samt Weiden wurde damit umzäunt. Was nicht nur dunkle Mächte und unbeliebte Zeitgenossen dank der Dornen draussen, sondern auch das Vieh verlässlich innerhalb der Weiden hielt.
Das harte Holz wurde zu Drechslerarbeiten genutzt, z.B. für Spazierstöcke und die Blätter als Tee- und Tabakersatz.
Anfang des 17. Jahrhunderts kam dann noch ein neuer Verwendungszweck dazu: in sogenannten Gradierwerken rieselte schwache Sole über riesige Wände aus Schlehdornzweigen (sie sind durch den sparrigen Wuchs besonders dafür geeignet), um sie so durch Verdunstung zu konzentrieren und gleichzeitig Begleitmineralien wie Gips und Kalk zu entfernen. So konnte man das Salz besser gewinnen.
Auch heute gibt es noch Gradierwerke mit Schlehenzweigen, jetzt allerdings in Kurbädern. Das Tropfen der Sole auf den Zweigen erzeugt eine salzhaltige Luft, die bei Lungenleiden sehr heilend wirkt.
Dazu werden grosse Mengen an Schlehenzweigen aus anderen Ländern importiert, da sie bei uns durch die Flurbereinigung leider nicht mehr so häufig vorkommt.
Wenn man allerdings eine Top10 der besten Heckenpflanzen küren sollte, dann gehört die Schlehe ganz oben mit dazu!
Sie bietet mit ihrer frühen Blüte (bei uns begann sie 2020 schon Mitte März zu blühen) unseren Bienen und anderen Insekten eine wertvolle Nektar und Pollenquelle. Immerhin mit dem Pollenwert 3 und Nektarwert 2 (von 4 Stufen nach G. Pritsch) und schönen gelb-braunen Pollenhöschen.
Die Schlehe ernährt etwa je 20 Wildbienen- und Vogelarten und etwa 70 Schmetterlingsarten legen ihre Eier auf ihr ab, darunter so seltene wie der schöne Segelfalter (Zahlen von NABU).
Nicht nur, dass sie Vögeln und Kleintieren Schutz und Nahrung bietet, sie ist auch durch ihr weitläufiges Wurzelwerk eine ideale Pflanze zur Befestigung von Hängen und Böschungen … sie kann sogar als billiger Schutz gegen Schneeverwehungen verwendet werden, denn durch den dichten Wuchs bremst sie den Wind gut ab.
Ihr starker Drang zur Ausläuferbildung wird heutzutage durch die maschinelle Bearbeitung der angrenzenden Felder leicht in Zaum gehalten. Wer gar keine Ausläufer im Garten haben will, kann übrigens zu veredelten Sorten greifen und hat dann auch noch grössere und wohlschmeckendere Früchte. Diese kann man vielfältig verwenden: als Vitamin C-reiches Mus, Marmelade und Sirup zur Steigerung der Abwehrkräfte.
Aber auch zu Likör oder Schnaps sind die Früchte gut zu verarbeiten und dafür weithin bekannt.
Folgende Sorten sind für den Garten erhältlich:
- „Reto“: grössere Früchte (bis 2cm) mit früher Reife und mildem Aroma, etwa 2,5-3m hoch, wenig Dornen
- „Godenhaus“: grösste Früchte (bis 2cm) und stärkster Wuchs der Gartensorten, etwa 4m
- „Merzig“: aufrechter Wuchs mit wenig Dornen, Höhe etwa 2-3m, sehr gut geeignet für Schnaps und Liköre
- „Nittel“: die kompakteste und kleinste Sorte mit wenig Schnittaufwand, etwa bis 2,5 hoch und besonders aromatischen Früchten
- „Rosea“ und „Purpurea“: zwei rotlaubige Sorten mit rosa Blüten
- „Trier“: sie ist von Wuchs und Früchten der Wildform am ähnlichsten und doch etwas „gezähmt“. Wie bei der wilden Schlehe wartet man mit der Ernte der Früchte bis nach dem ersten Frost, der sie milder und süsser macht.

Nach der Schlehe, bei mir etwa eine Woche später, blüht die schon eingangs erwähnte Kirschpflaume. Ursprünglich kommt sie aus Westasien und wird vor allem in Russland oft als Obst angebaut.
Wenn man genau hinsieht, entdeckt man sie aber auch bei uns recht häufig verwildert in der Landschaft, denn sie wird schon lange im Obstbau als „Unterlage“ zur Veredelung von z.B. Zwetschgensorten verwendet.
Und auf diese Weise habe ich sie auch „entdeckt“, da bei einem Obstbaum in unserem Dorf die Edelsorte abstarb und die sogenannte Unterlage neu austrieb. Da der Besitzer sie erhalten wollte, schnitt ich sie zu einem kleinen Baum zurecht, der jedes Jahr überreich blüht und von allen Bienen umsummt wird. Nur was das war, blieb mir lange ein Rätsel ,.. es blühte wie eine Schlehe, hatte auch einige Dornen, die Früchte waren aber viel grösser und auch frisch essbar, eher wie wilde Renekloden.
Erst als ich die Kirschpflaume als Wurzelbasis für Kulturpflaumen kennen lernte, wurde die Sache klarer und ich suchte nach Kulturformen dieser Wildart für den Garten. Und es gibt sie tatsächlich relativ häufig, allerdings meist nur als rotlaubige Zierform („Nigra“ und „Atropurpurea“).
Erst wenn man dahinterkommt, dass dieser Baum oft vom Handel als „Wilde Mirabelle“ bezeichnet wird, findet man mehr.
Da die Bäume aber sehr robust sind und sehr ergiebig blühen, lohnt sich ein zweiter Blick auf die Sortenlisten der Baumschulen.  Ich habe noch folgende gefunden:
- „Trail Blazer“: grosse (5cm), bordeauxrote Früchte, bis 6m
- „Milanka“: grünlaubige Form, je nach Baumform 2-5m
- „Hessei“: eine Zierform mit gelb-weissen Blattrand und roter Mitte
- „Zloty Oblok“: eine Sorte aus Polen mit sehr feinen Früchten
- „Cherry Plum Fruit“ ist besonders hitze- und dürretolerant

Im Gegensatz zur Schlehe können die Früchte der Kirschpflaume (zumindest der Edelsorten) auch gut frisch verzehrt werden, eignen sich aber natürlich genauso für Konfitüren und Fruchtmuse.
Da die Kirschpflaume zeitlich versetzt zur Schlehe blüht (je nach Sorte und Herkunft wird in der Literatur ein früherer Zeitpunkt angegeben - meine beobachteten Kirschpflaumen blühen etwas später), lohnt sich die Anpflanzung mit Sicherheit. Denn der Nektar- und Pollenwert ist gleich zur Schlehe und die Attraktivität für Insekten sehr hoch.
Zusammen bilden diese zwei Wildobstsorten eine wichtige, längerfristige Nahrungsquelle für alle unsere Bienen, Wildbienen und Schmetterlinge ... und für uns Gartenbesitzer einen hohen Zier- und Nutzwert mit zwar ähnlicher Blüte, aber deutlich verschiedenen Früchten.
Und mit der Anpflanzung einer Schlehe kann man sehr viel zur Biodiversität unserer Landschaft beitragen, sie ist wirklich eine der wichtigsten Heckenpflanzen überhaupt, auch wenn sie sich mit ihren Ausläufern und Dornen nicht unbedingt ans Herz legt. Die Blütenpracht im Frühjahr gleicht das wieder locker aus ...

Margit Siegrist