Bienenweide

Trotz -oder gerade wegen- des ausgesprochen nassen Sommers 2021, mit seinen ständigen Gewittern und Unwettern, erinnert die momentane Vollblüte der Lavendelsträucher an das sonnige Mittelmeer und lässt von der Provence träumen...

Und genau von dort kommt unser altbekannter Zierstrauch, der schon in der Antike auch wegen seiner Heilkräfte berühmt war und mit Mönchen schlussendlich über die Alpen wanderte, wo er die strengeren Winter problemlos überstand und sogar eine Zeit lang in grösserem Stil angebaut wurde. Er gab sogar dem „Lavendelberg“ in Rheinland-Pfalz seinen ungewöhnlichen Namen, bevor er umgebrochen und in einen Weinberg verwandelt wurde. Und laut Wikipedia gab es ein Anbaugebiet am Mont Vully, dem das gleiche Schicksal beschieden war. Wer hätte das heute nicht gerne als Imker? Lavendelhonig vom Mont Vully, das wäre was! Denn Lavendelhonig mit seiner hellen Farbe, cremigen Konsistenz und milden Aroma ist bekannt und beliebt ... soweit, dass da auch schon mal mit Aromen „nachgeholfen“ wird.

Gerade bei solchen raren Sortenhonigen lohnt sich der Gang zum Imker, denn der Griff ins Supermarktregal wird wohl kaum Qualität liefern. Vor allem, da das Anbaugebiet sich von 2002 bis 2012 durch Wetterextreme wie Kahlfrost halbiert hatte (Zahlen Wikipedia) und inzwischen auch sehr oft der schnellwüchsige Lavandin (L. x intermedia) statt dem Echten Lavendel angebaut wird. Diese Kreuzung zwischen dem Echten und dem Speick-Lavendel (L.latifolia) wird gerne für günstigere Kosmetikprodukte oder Möbelpolitur verwendet, duftet allerdings weniger intensiv. Die Herkunft des Namens „Lavendel“ im lateinischen Wort „lavare“ für „reinigen, waschen, baden“ deutet schon auf einen seiner Hauptverwendungszwecke hin, denn er wird gerne für Seifen und andere Kosmetika verwendet und ist einer der Bestandteile von „Kölnisch Wasser“. Aber Lavendel kann noch mehr, denn schon in der Antike war er als nervenstärkend, beruhigend und verdauungsfördernd bekannt.
Heute wird meistens Lavendelöl dazu verwendet, eine Wasserdampfdestillation der Blüten und Stängel. Früher wurde die Blüte in Öl angesetzt, was leichter zu handhaben war (und auch heute für den Eigengebrauch praktikabler ist).  Für Kopf- und Nervenschmerzen, Ischias, Rheuma und Gicht kann man es gut verwenden. Es hemmt übrigens auch das Wachstum von Pilzen wie dem problematischen Candidapilz, hilft bei nervösen Herzbeschwerden oder Darmproblemen, erleichtert bei Unruhe, Schlafstörungen und Ängsten. Man sollte also den Lavendel nicht nur als Zierstrauch sehen, er bietet uns viel mehr an!
Auf sandigem, eher trockenen Boden wächst er problemlos und braucht kaum Pflege, nur einen zweimaligen Rückschnitt, wenn man ihn kompakt halten möchte: einmal einen starken Rückschnitt im Frühjahr und dann den Rückschnitt nach der ersten Blüte, damit er nochmals blühen kann und unseren Bienen doppelt nützt. Denn mit einem Nektarwert von 3 und einem Pollenwert von 1 (von 4 Stufen nach G.Pritsch) und seiner langen Blütezeit, die man durch verschiedene Sorten und verschieden starken Rückschnitt noch strecken kann, ist er bei Insekten sehr beliebt.

Das Schnittgut ist übrigens zu schade für den Kompost oder Grünkübel: man kann es in Säckchen füllen und in die Schränke legen, wo es mit seinem Duft alle Schädlinge wie Kleider-oder Lebensmittelmotten abschreckt. Genauso sorgt es in Bettnähe für einen guten Schlaf. Und als Imker hat man eine weitere gute Verwendung: klein geschnitten und gut getrocknet, kann man es bestens als Rauchmaterial im Smoker verwenden. Pellets aus dem Imkerbedarfshandel (oder von Tierfutter/ Einstreu als billigere Variante) dazu als Gluthalter und man hat einen wunderbaren feinen Rauch, auf den die Bienen gut reagieren, da er nicht beissend ist.

Wer sich Lavendel in den Garten holen will, der hat die Qual der Wahl zwischen einer Unmenge von Sorten. Allerdings werden in den Bau-und Gartenmärkten oft „kostenoptimierte“ und schnell gezogene Pflanzen angeboten, deren Sorten wohl eher für den landwirtschaftlichen Anbau gedacht waren und mit denen man nicht viel Freude im Garten hat.
Aus guten Staudengärtnereien bekommt man dagegen eine grosse Vielfalt von Lavendelsorten (darunter auch Lavandin, L. x intermedia), die durch eine schöne Blüte, kompakte Wuchsform und verschiedene Blühzeitpunkte den Mehrpreis absolut aufwiegen. Empfehlenswerte Sorten sind zum Beispiel:

  • „Hidcote Blue“: 30-40cm hoch, Blüte Juni-Juli
  • „Hidcote Pink“: 50-60cm hoch, Blüte Juni-Juli
  • „Arabian Nights“: bis 90cm, tiefblau, Blüte Juli-August
  • „Grosso“: bis 90cm, helleres Blau, Blüte Juli-August
  • „Two Seasons“: ca.50cm, Blüte Juni und September
  • „Lumière des Alpes“: helle Blüten auf dunklen Ähren, 70cm, Blüte Juni-Juli
  • „Blue Mountain White“: weiss, 60-70cm, Blüte Juni-Juli

Wer nicht so viel Platz hat oder eine Beeteinfassung mit Lavendel pflanzen möchte, ist gut mit Zwerglavendel bedient:

  • “Blue Cushion“: bis 35cm, Blüte Juni-Juli
  • “Peter Pan“: Höhe und Blütezeit gleich
  • “Little Lottie“, weiss, ansonsten gleich
  • „Nana Alba“, weiss, ansonsten gleich

Dies ist nur eine kleine Auswahl der Unmengen von Sorten, die angeboten werden! Von besonders schönen Pflanzen, die man bei sich oder anderen Gärtnern entdeckt hat, kann man im Frühjahr über Stecklinge leicht vermehren. Einfach einjährige Triebe schneiden, in sandigen Boden stecken und ab und zu giessen. Auch eine Teilung älterer Stöcke ist möglich und die Ausbreitung über Samen macht Lavendel sowieso gerne. Dabei können schöne neue Sorten entstehen (vor allem, wenn man eine grosse Vielfalt von guten Sorten im Garten hat), die es dann durchaus lohnt, über Stecklinge weiter zu vermehren. Die Samen werden übrigens durchaus von Vögeln, wie dem Distelfinken, geschätzt, die sich im Winter daran gütlich tun.
Auch in grösseren Töpfen macht sich Lavendel übrigens sehr gut, wobei man für eine gute Drainage sorgen sollte – denn Staunässe mag Lavendel gar nicht. Dafür verzeiht er gerne, wenn  man nicht so oft mit der Giesskanne vorbei kommt. In der grossen Familie der Lavendel gibt es übrigens noch einige „topfgängige“ Arten, die sich lohnen.
Zum Beispiel der Schopflavendel (Lavandula stoechas), der etwas weniger winterhart ist, aber eine sehr hübsche Blütenform aufweist. Er überwintert bei mir übrigens mehrere Jahre schon erfolgreich ohne Winterschutz an der Hausmauer. Oder der Kanarische Lavendel (L.pinnata), der mit grösseren, leuchtend azurblauen Lippenblüten besticht und mit einer sensationellen Blütezeit von Juni bis Oktober. Allerdings zum Preis eines frostfreien, aber hellen Überwinterungsquartiers....

Auch der eingangs erwähnte Speick-Lavendel (L.latifolia) macht sich mit seinen ungewohnt breiten Blättern und der kampferartig duftenden Blüte durchaus gut im Garten und hält die hiesigen Winter recht gut aus.
Alle Lavendel werden übrigens oft als Rosenbegleiter empfohlen, wo sie Blattläuse fernhalten sollen...allerdings muss man darauf achten, dass die Rose deutlich mehr Wasser braucht als der Lavendel und dieser wiederum zu viel Wasser gar nicht mag. Die häufigste „Todesursache“ bei Lavendelsträuchern ist übrigens wirklich ein „zu viel“ an Wasser. Was wieder den Blick auf das diesjährige feuchte Wetter richtet, das durchaus Pflanzen auf nicht gut durchlässigen Böden gefährden könnte...

Hoffen wir auf eine Wetterbesserung, damit unsere Bienen wenigstens noch ein bisschen Lavendelhonig sammeln dürfen!
Margit Siegrist

Schon seine vielen volkstümlichen Namen lassen seinen grossen Nutzen erahnen: Wallwurz (vom schnellen „Zuwallen“ der Wunden und Knochenbrüche), Wundallheil, Schadheilwurz, Arznei-Beinwell, Bienenkraut, Hasenlaub & Milchwurz (beides, da er eine vorzügliche Futterpflanze ist), Schwarzwurz und Komfrei wird er genannt.
Der Beinwell stammt aus der Familie der Rauhblattgewächse (Boraginaceae), die uns mehrere schöne Gartenblumen wie den Borretsch geschenkt hat. Verbreitet ist er von England bis Italien, von Spanien bis China ... was schon seine Anpassungsfähigkeit zeigt. Meist wird er nämlich als Pflanze der feuchten Böden beschrieben, hat bei mir aber die beiden letzten Dürrejahre ohne jedes Giessen in praller Sonne bestens überstanden! Ein Wurzelsystem, das bis in fast 2m Tiefe reicht, macht es möglich.
Er ziert mit seinen meist purpurfarbenen Glöckchen jeden Garten, blüht aber auch selten in rahmweiss, rosa oder blau. Hummeln lieben ihn und auch die Bienen besuchen ihn gerne, obwohl sein Nektarwert 2 und Pollenwert 1 (von 4 Stufen) nicht aufsehenerregend scheint.
Und doch gibt G. Pritsch in seinem Buch „Bienenweide“ immerhin einen Hektarertrag von 23-100kg Honig an! Denn Beinwell wurde früher als Futterpflanze angebaut, meist als Kreuzung mit dem verwandten „Rauen Beinwell“ (S. asperum). Mit seinem hohen Proteingehalt in den Blättern und seinem Nutzen als Düngepflanze (er enthält hohe Mengen Stickstoff und Kalium) wäre das heute wieder für innovative Landwirte einen Versuch wert!
Auch in unseren Gärten kann er neben der Bienenweide diesem Zweck dienen. Meist wird er als Beinwelljauche angesetzt, als kräftigender Sofortdünger für die Starkzehrer unter den Gemüsesorten. Aber als (weniger geruchsintensive) Mulchschicht oder im Kompost macht er sich genauso nützlich. Zu viele Beinwellpflanzen kann man also im Garten gar nicht haben.
In der Küche kann man seine Blätter übrigens in Teig ausbacken, was in der Innerschweiz üblich war. Zwar enthalten die Blätter Pyrrolizidinalkaloide, aber bei gelegentlichem massvollen Verzehr schaden diese nicht.
Üblicher allerdings war und ist heute noch die Verwendung als Arzneipflanze, denn es gibt kein besseres Mittel bei Prellungen, Zerrungen, Verstauchungen oder Gelenk- und Muskelschmerzen. Für die schnelle Versorgung reicht ein Wickel aus gequetschten Blättern, als Salbe verwendet man besser die im Winter geerntete Wurzel, zerkleinert und mit einer Grundlage aus gutem Pflanzenöl und Bienenwachs erhitzt und dann abgesiebt. Die Wirkung auf sogenannte „Blaue Flecken“ ist erstaunlich!
Wer die Wallwurz in den Garten holen will, braucht nur ein Stück Wurzel oder kleinen Ableger, der zuverlässig anwächst. Die Samen selbst sind recht unauffällig, sind aber mit sogenannten Elaiosomen oder „Ölkörperchen“ ausgestattet und werden dadurch gerne von Ameisen verbreitet.
Margit Siegrist

Er ist der Inbegriff eines Obstbaumes, jeder kennt ihn und seine Früchte.
Der Apfel taucht nicht nur in unserer Küche auf, sondern auch in Sagen und Märchen, als Reichsapfel, Zankapfel, Frucht der Erkenntnis in der Bibel und ganz modern auch bei Isaac Newton, dem er der Legende nach auf den Kopf fiel und ihm zu neuen Erkenntnissen der Himmelsmechanik verhalf.
Entstanden ist unser Kulturapfel mit recht grosser Sicherheit in Asien, als Stammform gilt der Asiatische Wildapfel (Malus sieversii) mit mindestens 2, eher 5 anderen Wildformen als Einkreuzung (Quelle Wikipedia) . Unter anderem wurde genetisch unser heimischer Wildapfel (Malus silvestris) nachgewiesen, der bis anhin als Urform galt. Wie viele unseren Obstgehölze und Beeren kommt der Apfel aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae), Gattung der Kernobstgewächse (Pyrinae).
Wie er genau nach Europa gekommen ist, ist nicht bekannt. Vermutlich reiste er - wie so vieles - über die Seidenstrasse zu uns, denn er galt damals schon als lebensverlängernde Heilpflanze.
Verbreitet haben in auf jeden Fall die Römer, die die Kunst der Veredelung beherrscht und in ihren Kolonien bekannt gemacht haben. Denn eine Apfelblüte braucht unbedingt fremden Blütenpollen zur Bestäubung, das schliesst reinerbige Nachkommen eines Baumes aus. Jeder Sämling, der aus einem Apfelkern wächst, entspricht einer neuen Sorte mit neuen Eigenschaften und das nur selten im positiven Sinne. Wenn man also einen Baum findet, dessen Früchte einem gefallen, kann man ihn nur durch Veredelung vermehren: man nimmt, einfach gesagt, einen Zweig des betreffenden Baumes („Edelreis“) und verschmilzt ihn mit der Wurzel („Unterlage“) eines anderen. Sehr viele Sorten sind tatsächlich Zufallsfunde, was in den teils lustigen Namen verewigt ist: z.B. der „Granny Smith“....der Apfel aus dem Garten von Oma Smith, gefunden 1886 in der Nähe von Sydney oder der „Küttiger Dachapfel“, der in der Aargauer Gemeinde Küttigen unter dem breiten Strohdach eines Hauses wuchs, wo er der Legende nach gegen 1770  vom Sohn der Familie gepflanzt wurde.
Wenn man also einen Apfelbaum kauft, erwirbt man immer eine aus mindestens zwei Exemplaren kombinierte Pflanze. Oft auch sogar aus drei, denn wenn die Edelsorte schlecht wächst oder sehr frostempfindlich ist, dann schaltet man noch einen sogenannten „Stammbildner“ dazwischen. Ohne diese Kunst gäbe es die heutige Verbreitung der Apfelsorten nicht!
Während also die alten Kelten und Germanen nur den harten und roh quasi ungeniessbaren heimischen Holzapfel kannten und z.B. als Zugabe zur Herstellung von Met nutzten, brachten die Römer viel wohlschmeckendere Apfelbäume in ihre Provinzen, die sich sicher rasch verbreiteten.
Die älteste Apfelsorte der Schweiz, der „Sternapfel“ oder „Sternapi“ soll tatsächlich aus dieser Zeit stammen ... das hiesse, dass dieser Baum seit gut 2000 Jahren weiterveredelt wird!
Die älteste wirklich dokumentierte Sorte ist allerdings deutlich jünger und wurde „erst“ 1170 in einem Dokument der Zisterzienser erwähnt, der „Borsdorfer Apfel“. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es dann wohl 20 000 Sorten weltweit, wahrscheinlich sogar wesentlich mehr. Allein in Preussen waren 2300 Sorten bekannt und die Schweiz wird ähnlich vielfältige Obstanlagen gehabt haben.
Denn zu jedem Hof gehörten möglichst viele verschiedene Apfelsorten, damit man vom Frühsommer bis zum nächsten Frühjahr mit Äpfeln versorgt war und z.B. der Spätfrost nicht alles vernichtete.
Jede Sorte war wichtig und hatte ihre unverzichtbaren Eigenschaften ... einige wie der „Klarapfel“ trugen besonders früh, andere waren besonders gut lagerfähig wie der „Glockenapfel“. Manche waren zum Frischverzehr, andere zum Dörren, wieder andere nur zum Mosten oder Kochen geeignet.
Heute gibt es vermutlich noch etwa 1300 Apfelsorten in der Schweiz, wobei die eingangs erwähnten Sämlinge natürlich noch dazu gezählt werden müssten.
Wikipedia listet immerhin noch 5800 Sorten weltweit auf, allerdings sind nur 60 Sorten wirtschaftlich bedeutend und etwa 70 Prozent davon machen alleine die drei bekanntesten Sorten („Golden Delicious“, „Jonagold“ und „Red Delicious“) aus, der Rest teilen sich quasi „Gala“, „Granny Smith“, „Elstar“, „Cox Orange“ und „Boskoop“ .
Während man in richtig guten Baumschulen schon mal die Qual der Wahl zwischen immerhin 100 Sorten hat, findet man im Gartencenter oft nicht mehr als 5-10 Sorten. Und sucht man in den Obstregalen der einschlägigen Grossverteilern, bekommt man oft übers Jahr nur 5 oder 6 Apfelsorten angeboten (und diese nach Geschmack etikettiert, nicht nach dem Sortennamen).
So geht viel an Geschmacks- und genetischer Vielfalt verloren ... und beim Kunden das Wissen darum. Schon die Einteilung in Tafel-, Most- oder Kochäpfel ist vielen unbekannt und so werden oft Bäume gefällt, weil die Früchte nicht mehr verwendet werden. Auch das Wissen um Pflückreife und Genussreife (gerade Lageräpfel kann man gleich nach dem Pflücken selten geniessen) ist oft schon verloren und die erste Geschmacksprobe führt zur Enttäuschung.
Das ist sehr schade, denn die Vielfalt stellt auch einen Schutz und eine genetische Reserve für die Zukunft dar. Vor allem in den ökologisch so wichtigen Streuobstwiesen schlummern die Sorten der Zukunft, denn im Ertragsanbau ist der Erhalt alter Sorten nicht wirtschaftlich. Milben, Mehltau, Raupen, Blattläuse, Glasigkeit, Stippe, Schorf (ein rein ästhetisches Problem, übrigens!), Monilia, Obstbaumkrebs, Feuerbrand, Mosaikvirus, Triebsucht und zukünftig vermehrte Wetterextreme brauchen als Lösung die Gene der alten Sorten - und die Artenvielfalt profitiert von der Streuobstwiese an sich. Wer also solche Apfelanlagen wiederbelebt oder neu anlegt, tut etwas Gutes!
Aber nicht jeder hat Platz für einen Hochstammapfelbaum im Garten, der recht beträchtliche Ausmasse erreichen kann. Doch die Veredelung bietet auch da Lösungen, denn man kann auch eine schwachwüchsige Wurzel als Unterlage verwenden, was das Wachstum der Edelsorte begrenzt. So entstehen praktische Niederstamm-Obstbäume für Familiengärten, kleine Spindelbäume (quasi ohne Stamm) oder schlanke Säulenäpfel, die selbst in kleinste Gärten passen oder sogar  als Extremform Zwergobst in einem Topf auf dem Balkon Platz finden.
Generell kann man allerdings sagen: Je schwachwüchsiger die Unterlage, desto mehr Pflege bedarf sie. Denn die schwache Wurzel kann den Baum nicht mehr bei schwierigeren Verhältnissen versorgen (und auch der Geschmack leidet irgendwann). Bedingungen, die ein Hochstamm locker wegsteckt, zwingen einen Zwergbaum in die Knie. Deshalb muss man bei solch kleinen Bäumchen auf eine gute Nährstoff- und Wasserversorgung achten. Dann gibt es allerdings beachtliche Ernten von ihnen.
Ein Niederstamm-Apfelbaum kann schon für eine richtige Obstschwemme sorgen, wie im letzten Jahr bei uns in der Gegend. 2019 fielen fast alle Blüten dem Spätfrost zum Opfer und die Bäume trugen kaum Früchte. So konnten sie im Juli/August überreich Blütenknospen bilden für das nächste Jahr. Und das taten sie...da der Spätfrost 2020 ausblieb, bogen sich die Äste im Spätsommer unter der Last der Früchte, denn unsere Bienen waren fleissig gewesen!
Bei einem Nektar- und Pollenwert der höchsten Stufe 4 ist der Apfelbaum laut G.Pritsch einer der besten Bienenweiden. Eine Befruchtung von 5% der Blüten reicht bei ihm auch schon zum Vollertrag – Steinobst wie Kirschen brauchen 25% dafür.
Und er schenkt uns eine der gesündesten Früchte, was sich im bekannten englischen Spruch „An apple a day keeps the doctor away“ oder in der deutschen Version „Ein Apfel gegessen kurz vor der Nacht, hat manchen Arzt zum Bettler gemacht“ im Volksmund niedergeschlagen hat.
Ganz aktuell schützt uns der Apfel zum Beispiel vor Atemwegsinfektionen....drei Äpfel über den Tag verteilt gegessen senken das Risiko dafür um ganze 30%. (Quelle H.&M. Hintermeier).
Äpfel tragen zur Gesunderhaltung der Zähne durch Polyphenole bei, halten die Verdauung auf Trab, senken bei regelmässigem Verzehr das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma, Lungenfunktionsstörungen, Diabetes mellitus und Krebs. Laut Wikipedia wiesen Mäuse und Ratten mit Zugang zu Äpfeln 50% weniger Tumore auf als die Tiere ohne Äpfel, zudem waren die Tumore kleiner und metastasierten seltener. Wenn das kein Argument für einen Apfelbaum ist ...
Wer möchte, kann sich auch mehr als eine Sorte pro Baum in den Garten holen und die Erntezeit so verlängern bzw.die Obstschwemme mildern. Mein „Granny Smith“ trägt auf einem Ast „Boskoop“ und mein „Klarapfel“ hat gar 10 verschiedene Frühapfelsorten aufveredelt. Das klingt nach viel, aber der Rekord liegt bei weit über 300 Sorten. Denn früher war die Pomologie (die Apfelbaumkunde) in höheren Kreisen genauso gut angesehen wie die Vogelbeobachtung und man hielt sich Apfelbäume mit möglichst vielen Sorten darauf als Anschauungs- und sicher auch als Prestigeobjekt.
Das Veredeln oder Zweien, wie man hier sagt, ist leicht zu erlernen und Edelreiser kann man sich selber schneiden (oft kennt man ja einen alten Baum mit leckeren Früchten, von dem niemand mehr die Sorte weiss...) oder in Baumschulen erwerben – diese helfen auch bei der Wahl der Unterlage und des richtigen Zeitpunktes.
Zu solchen selbst gezogenen Bäumen hat man eine ganz andere Beziehung und die Äpfel machen doppelt Freude.
Auch das Schneiden der Obstbäume ist eine Tätigkeit, die gelernt werden will, aber unbedingt nötig ist. Denn der Obstbaumschnitt hat vier gute Gründe:
1. Will ein Apfelbaum viele kleine Früchte bilden, da er sich über die Samen vermehren möchte. Wir möchten gerne das Gegenteil!
2. Hängen die schönsten Äpfel sonst unerreichbar hoch oben in der Krone (immerhin   8-12 Meter hoch bei ungeschnittenen Hochstammbäumen)!
3. Überaltert der Baum sonst viel schneller und
4. neigen manche Sorten zur „Alternanz“. Das heisst, sie tragen ein Jahr massenhaft und im nächsten Jahr kümmerlich. Auch das kann man über den Schnitt regulieren.
Es lohnt sich also, den Obstbaumschnitt zu lernen, denn es macht Freude und Fitness gibt es gratis dazu.
Wer lieber einen Gärtner ruft, sollte sich vorher besser ein paar Bäume ansehen, die dieser schon ein paar Jahre pflegt – denn nicht jeder Gärtner schneidet regelmässig Obstbäume, sondern vielleicht eher Thujahecken. Diese sind leider häufiger geworden als Obstbäume in den Gärten ... wenn man sich alte Bilder unserer Dörfer ansieht, kann man kaum glauben, wie viele Obstbäume rundherum es früher gab! Es wäre Zeit, wieder etwas mehr auf die Eigenversorgung mit Obst zu setzen und nicht von den Importströmen abhängig zu sein. Während die wichtigsten Obstanbaugebiete in Europa (Normandie, Poebene, die Bodenseeregion) auf CA-Lager setzen (in denen das Reifegas Ethylen entfernt wird), werden im Winter massenhaft Äpfel aus Neuseeland, Chile und Argentinien importiert. Und China exportiert jedes Jahr 900 000 t Äpfel, man mag es nach dem Film „More than honey“ kaum glauben.
Die neueste Entwicklung, die in der Schweiz und der EU zugelassen ist, ist übrigens „Smart Fresh“. Mit Hilfe von 1-Methylcyclopropen werden die Rezeptoren für Ethylen im Apfel blockiert, eine Reifung so über Monate verhindert. Ob man das als Verbraucher möchte, muss man selbst entscheiden … und inzwischen gibt es im Internet wieder Anleitungen für den Bau von Erdkellern und anderen Lagermöglichkeiten, ein zarter Trend zurück zum eigenen Apfel scheint zu keimen! Grund dafür ist sicher auch die vom Verbraucherschutz recht häufig festgestellte Mehrfachbelastung mit Pestiziden. Wobei ein Grossteil dieser Mittel nicht etwa zu Sicherung der Ernte gebraucht wird. Sondern nur zur optischen Verschönerung des Obstes. Denn der Obstproduzent bekommt einen riesigen Abzug für einen minimalen Makel des Apfels – teils kaum erkennbar für Laien. Trotzdem ist dieser - ansonsten hochwertige - Apfel keine A-Ware mehr und muss zum Schleuderpreis verkauft werden. Davon kann kein Landwirt leben! Das Verrückte daran ist, dass die Konsumenten Äpfel mit kleinen Fehlern gerne akzeptieren würden, wenn dafür weniger gespritzt würde. Aber entweder kommt das bei den Einkäufern des Einzelhandels nicht an oder die Konsumenten lassen doch solche Äpfel liegen, so dass sich der Einkäufer danach richten muss.
Da hilft nur, sein Obst regional bei dem Bauern zu kaufen, der so wirtschaftet, wie man es gerne möchte. Und so lernt man vielleicht auch die eine oder andere wunderbare Apfelsorte kennen, die man nie vorher kosten durfte! Und weiss dann auch gleich, welche Sorte man eventuell als Baum im Garten haben möchte ...
Aufgrund der riesigen Sortenvielfalt gibt es diesmal keine Sortenempfehlungen von mir, aber dafür Buchempfehlungen:
- „Streuobstwiesen – Lebensraum für Tiere" Helmut Hintermeier, Gartenbauverlag München
- „Obstgartenhandbuch für Selbstversorger" Kurt Kuhn, OLV Verlag
- „Obstbaumschnitt" Heiner Schmid, Ulmer Verlag
Und für Spezialisten:
- „Rosenapfel und Goldparmäne“ B. Bartha-Pichler u.a., AT Verlag

Margit Siegrist

Wer kennt sie nicht, die „Meertrübeli“ und „Chrosle“, wie sie hier in unserer Region heissen? Und doch haben sie noch recht unbekannte Facetten und Verwandte, die sich anzupflanzen lohnen.
Beide gehören zur Familie der Stachelbeergewächse (Grossulariaceae) und zur Gattung Ribes und sind in mehreren wilden Arten in Europa weit verbreitet, wenn auch eher selten zu finden. Die Alpen-Johannisbeere (R.alpinum) ist in mässig feuchten Mischwäldern bis in den subalpinen Bereich zu finden, gerne auf kalkhaltigem Boden ... während die Felsenjohannisbeere (R.petraeum) lieber auf humosen, kalkarmen Böden wächst. Aber auch unsere Gartenjohannisbeeren (schwarz und rot) haben wilde Verwandte, die man in Auwäldern und an Bachläufen entlang auf eher nassen, tonigen bis moorige Böden findet. Da steht auch die Stachelbeere nicht zurück und ist ebenfalls mit einer wilden Art (Ribes uva-crispa var. uva-crispa) bei uns vertreten.
Schon „nur“ wild sind unsere scheinbar altbekannten Gartenbeeren also in ungeahnter Vielfalt bei uns zu entdecken! Und dadurch steht auch ihrer Verwendung in Hecken und Wäldern oder am Bienenstand nichts im Wege. Denn alle Johannisbeeren, ob wild oder „zahm“ werden von G.Pritsch  mit einem Nektar- und Pollenwert von 2 (von 4 möglichen Stufen abgegeben), in Wikipedia mit einem Zuckergehalt von 16-31% im Nektar. Die Stachelbeeren und ihre Verwandten, die Jostabeeren kommen immerhin auf einen Nektarwert 3 und Pollenwert 1. Alle punkten durch ihre frühe Blütezeit im April als gute Aufbautracht für unsere Honigbienen und als verlässliche Tankstelle für ihre wilden Verwandten.
Für uns Menschen bieten sie in ihrer kultivierten Form sehr feine Beeren über einen langen Zeitraum, wenn man die Sorten geschickt kombiniert oder auch nur hübsche Blüten, wenn man die Ernte den Vögeln überlassen will ... denn die Gartenformen Blutjohannisbeere (R.sanguineum) und Goldjohannisbeere (R.aureum) bieten eine durchaus beeindruckende Blüte in rosarot oder goldgelb! Diese letztgenannten Johannisbeeren stammen ursprünglich aus Nordamerika und sind vor allem bei den Hummeln sehr beliebt.
Ebenfalls ein Hummelmagnet ist die eher seltene Jostabeere, eine Kreuzung aus der Schwarzen Johannisbeere und der Stachelbeere (zum Teil der auch Oregon-Stachelbeere). Ihre glöckchenförmigen Blüten ähneln der Stachelbeere, die Früchte dagegen eher der Schwarzen Johannisbeere, der Ertrag übersteigt beide. Auch der Vitamin-C-Gehalt ist  höher, der Geschmack irgendwo zwischen den Elternsorten. Nicht jeder mag sie frisch, aber in Gelee, Saft oder Likör kommen sie immer gut an.
Das gleiche gilt für die Schwarze Johannisbeere, die mit ihren hohen Gehalten an Anthocyanen, Terpenen und weiteren wichtigen Inhaltsstoffen eine der gesündesten Gartenfrüchte ist. Übrigens kann man ihre jungen Blätter als Würze für Suppen und Salate verwenden, was kaum jemand weiss.
Sorten sind zu Beispiel:
- „Titania“: vorzüglicher Geschmack, hoher Ertrag im Juli/August, starker Wuchs
- “Little Black Sugar“: sehr süss, kompakter Wuchs, für Kübel geeignet, Reifezeit Juni
- „Bona“: süss, mild, Anfang Juni
- „Silvergieters Schwarze“: alte robuste Sorte, feines Aroma, Anfang Juli
Am bekanntesten wird die Rote Johannisbeere sein, die „Trübeli“ kennt fast jedes Kind. Weniger bekannt ist, dass es auch ausgesprochen feine Varianten in weiss und rosa von ihnen gibt!
Zum Beispiel bei den roten:
- „Rolan“: mittlere Reifezeit im Juli, leicht säuerlich, starker Wuchs
- „Rovada“: etwas später Mitte-Ende Juli, mittelstarker Wuchs
- „Jonkheer van Teets“: alte, frühreifende Sorte Anfang Juni, säuerlich-aromatisch
- „Mulka“: sehr frostharte Sorte, Reife Ende Juli
- „Roter Holländer“: vermutlich die älteste Sorte, wüchsig und robust, sehr aromatisch, eher herb, Reife Mitte Juli
- „Red Lake“: sehr aromatisch mit hohem Ertrag, mittelfrüh
bei den rosa Johannisbeeren:
- „Rosa Sport“: Mittelfrühe Reifezeit, sehr guter Geschmack
- „Fleischfarbene Champagner“: alte Sorte, schwer erhältlich, aber sehr aromatisch und meiner Meinung nach die beste Johannisbeere.
bei den weissen:
- „Weisse Versailler“: sehr süss, Reife im Juli
- „Blanka“: robust, Mitte Juli
- „Weisse Langtraubige“: sehr ertragreich und süss

Die Sortenvielfalt ist noch viel ausgeprägter als bei den schwarzen Verwandten und so kann man die Erntezeit mit geschickter Sortenwahl sehr lange strecken und immer frische Beeren für das Müesli parat haben. Denn einfrieren kann man zwar alle Johannisbeeren/Stachelbeeren, aber frisch sind sie immer am allerbesten!
Das gleiche gilt natürlich auch für die Stachelbeere, die übrigens für empfindliche Hände auch stachellose Sorten zu bieten hat.
Zum Beispiel:
- „Captivator“: rot, Reife Mitte Juli, mit nur wenig Stacheln
- „Hinnonmäki“: gelb und rot erhältlich, alte finnische Sorte, Reife Ende Juni
- „Reveda“: rot, süss, wenig Säure, Reife im Juli
- „Lea“: gelb-grün, gross, sehr süss

Eher selten werden noch die „Schwarzen Honigbeeren“ angeboten, die von der Oregon-Stachelbeere (R.divaricatum) abstammen. Sie tragen honigsüsse, grosse Beeren, und zwar von Juli bis in den September hinein.
Alle Vertreter der Gattung Ribes sind recht anpassungsfähig, wenn man sie in den Garten holen will und werden bei der Pflanzung eine gute Handbreit tiefer als ursprünglich in gute Gartenerde gesetzt. Bei der Stachelbeere scheiden sich da etwas die Geister, weil manche den dadurch starken Neuaustrieb nicht so schätzen. Aber diesen braucht man zur Verjüngung der Sträucher, wenn sie eine ordentliche Ernte grosser Beeren bringen sollen.
Denn bei den Roten Johannisbeeren und Stachelbeeren wird jedes Jahr mindestens ein Drittel der Triebe erneuert (8-12 sollten es maximal sein), d.h. bodentief abgeschnitten. Bei den Schwarzen Johannisbeeren dagegen werden alle Triebe, die getragen haben, entweder auf einen starken Jungtrieb abgesetzt oder ganz entfernt. Auf diese Weise hat man nicht Unmengen an kleinen, sondern kräftige, grosse Beeren und der Strauch bleibt vital bis ins hohe Alter.
Man kann natürlich auch veredelte Johannisbeer- oder Stachelbeerbäumchen kaufen, allerdings sind diese nicht so robust und werden meist auch nicht sehr alt. Schneiden muss man sie genauso, allerdings ist der Neuaustrieb meistens nicht ausreichend.
Eine sehr schöne Art des Schnittes ist die Johannisbeerhecke, in dem man die Büsche mit nur drei Trieben an einem Spalier zieht. Jedes Jahr wird ein Trieb gegen einen neuen ausgewechselt. Dadurch erhält man eine wunderschöne Abgrenzung oder Sichtschutz, der noch feine Beeren bringt!
Ein kleiner Tipp noch am Schluss: wenn man sich das lästige Ausjäten sparen und Beschädigungen durch den Rasenmäher vermeiden will, bietet sich ein Mulchen der Beerensträucher an. Ich dünge die Sträucher nach Bedarf mit Kompost und decke den Boden dick mit Schilfhäckseln ab. Diese versauern den Boden nicht wie z.B. der ungünstige Rindenmulch. Dazwischen kommen noch etwas Hornspäne, damit sich der Mulch beim Zersetzen nicht Stickstoff vom Kompost und damit dem Strauch abzieht. Darüber befestige ich eine runde Kokosmatte aus dem Gartencenter und fertig ist das Beerenbeet ... dadurch bleibt der Boden schön feucht und der flach wurzelnde Strauch gut geschützt und versorgt. So bringt er selbst bei unserem trockenen Sandboden sehr gute Ernten und macht keinerlei Arbeit mehr, bis die Vögel die Kokosmatte endgültig zerzupft haben und das Spielchen von vorne losgeht ...

Margit Siegrist

Nachdem der Januar 2021 doch recht kalt war und zudem sehr nass geendet hat, bleibt es auch in den Gärten nach wie vor sehr trist. Aber die Vorfreude auf die Blütenpracht ist gross und so greifen wir einfach vor im Jahreslauf der Blüten wie schon im Januar!
Dieses Mal möchte ich euch zwei „Zwillinge“ vorstellen, die nicht viele Leute auseinander halten können in der Blütezeit. Auch ich bin oft unsicher, wer da so schön in einer Hecke blüht ... eine Schlehe (Prunus spinosa) oder eine Kirschpflaume (Prunus cerasifera)?
Letztere kennt man in den Gärten meist nur als Blutpflaume „Nigra“ mit rot-glänzendem Laub und rosa Blütenpracht. Aber es gibt sie eben auch in reinweissem Blütenkleid und Dornen, der Schlehe zum Verwechseln ähnlich.
Die Nachkommen der Kreuzung dieser beiden Wildobstarten kennt dagegen jeder. Aus ihnen sind unsere Kulturpflaumen hervorgegangen, also Edelpflaumen, Zwetschgen und Mirabellen (Quelle H. Hintermeier).
Zuerst möchte ich euch gerne die Schlehe vorstellen, ein einheimischer Strauch, der früher viel stärker zum Landschaftsbild gehörte als heute.
Schon in der Steinzeit wurde die kleinen, blauen Früchte mit Sicherheit genutzt, denn genauso wie bei der (im letzten Monat vorgestellten) Kornelkirsche wurden viele Kerne in den jungsteinzeitlichen Pfahlbauten in Italien und auch in der Schweiz gefunden. In Sipplingen am Bodensee wurde sogar eine Kette aus ihren Samen gefunden, was doch eine - aus heutiger Sicht - ungewöhnliche Nutzung war.
In antiken Texten wird sie als Heilpflanze gelobt, kein mittelalterliches Kräutermanuskript kam ohne Schlehe aus und man bezeichnete sie als „entschiedenste Wohltäterin des Menschen“ (Wikipedia).
Auch die Bandbreite der Namen spiegelt ihre Bedeutung für die Menschen wieder: Schlehdorn, Schwarzdorn, Sauerpflaume, Heckendorn und deutsche Akazie wird sie genannt.
Jeder Teil der Pflanze wurde als Medizin genutzt, zur Blutreinigung, Anregung von Verdauung und Stoffwechsel und als Schmerzmittel. Sie wirkt adstringierend, harn- und schweisstreibend.
Die Rinde wurde nicht nur als Gerbstoff und als Zahnpulver verwendet, sondern stellte als mehrfach ausgekochter Sud, mit Wein vermischt, einer der gebräuchlichen Tinten im Mittelalter dar.
Zu der Zeit galt die Schlehe auch als ein Schutzgehölz gegen Hexen und mancher Weiler samt Weiden wurde damit umzäunt. Was nicht nur dunkle Mächte und unbeliebte Zeitgenossen dank der Dornen draussen, sondern auch das Vieh verlässlich innerhalb der Weiden hielt.
Das harte Holz wurde zu Drechslerarbeiten genutzt, z.B. für Spazierstöcke und die Blätter als Tee- und Tabakersatz.
Anfang des 17. Jahrhunderts kam dann noch ein neuer Verwendungszweck dazu: in sogenannten Gradierwerken rieselte schwache Sole über riesige Wände aus Schlehdornzweigen (sie sind durch den sparrigen Wuchs besonders dafür geeignet), um sie so durch Verdunstung zu konzentrieren und gleichzeitig Begleitmineralien wie Gips und Kalk zu entfernen. So konnte man das Salz besser gewinnen.
Auch heute gibt es noch Gradierwerke mit Schlehenzweigen, jetzt allerdings in Kurbädern. Das Tropfen der Sole auf den Zweigen erzeugt eine salzhaltige Luft, die bei Lungenleiden sehr heilend wirkt.
Dazu werden grosse Mengen an Schlehenzweigen aus anderen Ländern importiert, da sie bei uns durch die Flurbereinigung leider nicht mehr so häufig vorkommt.
Wenn man allerdings eine Top10 der besten Heckenpflanzen küren sollte, dann gehört die Schlehe ganz oben mit dazu!
Sie bietet mit ihrer frühen Blüte (bei uns begann sie 2020 schon Mitte März zu blühen) unseren Bienen und anderen Insekten eine wertvolle Nektar und Pollenquelle. Immerhin mit dem Pollenwert 3 und Nektarwert 2 (von 4 Stufen nach G. Pritsch) und schönen gelb-braunen Pollenhöschen.
Die Schlehe ernährt etwa je 20 Wildbienen- und Vogelarten und etwa 70 Schmetterlingsarten legen ihre Eier auf ihr ab, darunter so seltene wie der schöne Segelfalter (Zahlen von NABU).
Nicht nur, dass sie Vögeln und Kleintieren Schutz und Nahrung bietet, sie ist auch durch ihr weitläufiges Wurzelwerk eine ideale Pflanze zur Befestigung von Hängen und Böschungen … sie kann sogar als billiger Schutz gegen Schneeverwehungen verwendet werden, denn durch den dichten Wuchs bremst sie den Wind gut ab.
Ihr starker Drang zur Ausläuferbildung wird heutzutage durch die maschinelle Bearbeitung der angrenzenden Felder leicht in Zaum gehalten. Wer gar keine Ausläufer im Garten haben will, kann übrigens zu veredelten Sorten greifen und hat dann auch noch grössere und wohlschmeckendere Früchte. Diese kann man vielfältig verwenden: als Vitamin C-reiches Mus, Marmelade und Sirup zur Steigerung der Abwehrkräfte.
Aber auch zu Likör oder Schnaps sind die Früchte gut zu verarbeiten und dafür weithin bekannt.
Folgende Sorten sind für den Garten erhältlich:
- „Reto“: grössere Früchte (bis 2cm) mit früher Reife und mildem Aroma, etwa 2,5-3m hoch, wenig Dornen
- „Godenhaus“: grösste Früchte (bis 2cm) und stärkster Wuchs der Gartensorten, etwa 4m
- „Merzig“: aufrechter Wuchs mit wenig Dornen, Höhe etwa 2-3m, sehr gut geeignet für Schnaps und Liköre
- „Nittel“: die kompakteste und kleinste Sorte mit wenig Schnittaufwand, etwa bis 2,5 hoch und besonders aromatischen Früchten
- „Rosea“ und „Purpurea“: zwei rotlaubige Sorten mit rosa Blüten
- „Trier“: sie ist von Wuchs und Früchten der Wildform am ähnlichsten und doch etwas „gezähmt“. Wie bei der wilden Schlehe wartet man mit der Ernte der Früchte bis nach dem ersten Frost, der sie milder und süsser macht.

Nach der Schlehe, bei mir etwa eine Woche später, blüht die schon eingangs erwähnte Kirschpflaume. Ursprünglich kommt sie aus Westasien und wird vor allem in Russland oft als Obst angebaut.
Wenn man genau hinsieht, entdeckt man sie aber auch bei uns recht häufig verwildert in der Landschaft, denn sie wird schon lange im Obstbau als „Unterlage“ zur Veredelung von z.B. Zwetschgensorten verwendet.
Und auf diese Weise habe ich sie auch „entdeckt“, da bei einem Obstbaum in unserem Dorf die Edelsorte abstarb und die sogenannte Unterlage neu austrieb. Da der Besitzer sie erhalten wollte, schnitt ich sie zu einem kleinen Baum zurecht, der jedes Jahr überreich blüht und von allen Bienen umsummt wird. Nur was das war, blieb mir lange ein Rätsel ,.. es blühte wie eine Schlehe, hatte auch einige Dornen, die Früchte waren aber viel grösser und auch frisch essbar, eher wie wilde Renekloden.
Erst als ich die Kirschpflaume als Wurzelbasis für Kulturpflaumen kennen lernte, wurde die Sache klarer und ich suchte nach Kulturformen dieser Wildart für den Garten. Und es gibt sie tatsächlich relativ häufig, allerdings meist nur als rotlaubige Zierform („Nigra“ und „Atropurpurea“).
Erst wenn man dahinterkommt, dass dieser Baum oft vom Handel als „Wilde Mirabelle“ bezeichnet wird, findet man mehr.
Da die Bäume aber sehr robust sind und sehr ergiebig blühen, lohnt sich ein zweiter Blick auf die Sortenlisten der Baumschulen.  Ich habe noch folgende gefunden:
- „Trail Blazer“: grosse (5cm), bordeauxrote Früchte, bis 6m
- „Milanka“: grünlaubige Form, je nach Baumform 2-5m
- „Hessei“: eine Zierform mit gelb-weissen Blattrand und roter Mitte
- „Zloty Oblok“: eine Sorte aus Polen mit sehr feinen Früchten
- „Cherry Plum Fruit“ ist besonders hitze- und dürretolerant

Im Gegensatz zur Schlehe können die Früchte der Kirschpflaume (zumindest der Edelsorten) auch gut frisch verzehrt werden, eignen sich aber natürlich genauso für Konfitüren und Fruchtmuse.
Da die Kirschpflaume zeitlich versetzt zur Schlehe blüht (je nach Sorte und Herkunft wird in der Literatur ein früherer Zeitpunkt angegeben - meine beobachteten Kirschpflaumen blühen etwas später), lohnt sich die Anpflanzung mit Sicherheit. Denn der Nektar- und Pollenwert ist gleich zur Schlehe und die Attraktivität für Insekten sehr hoch.
Zusammen bilden diese zwei Wildobstsorten eine wichtige, längerfristige Nahrungsquelle für alle unsere Bienen, Wildbienen und Schmetterlinge ... und für uns Gartenbesitzer einen hohen Zier- und Nutzwert mit zwar ähnlicher Blüte, aber deutlich verschiedenen Früchten.
Und mit der Anpflanzung einer Schlehe kann man sehr viel zur Biodiversität unserer Landschaft beitragen, sie ist wirklich eine der wichtigsten Heckenpflanzen überhaupt, auch wenn sie sich mit ihren Ausläufern und Dornen nicht unbedingt ans Herz legt. Die Blütenpracht im Frühjahr gleicht das wieder locker aus ...

Margit Siegrist