Linden (Tilia spec.)

Die Linden sind wohl die absoluten Lieblingsbäume aller Imker, wobei sich allerdings die meisten wohl nicht bewusst sind, welche Vielfalt von Linden es zu entdecken gibt. Mit etwas Geschick und Wissen kann man ein Linden-Trachtfliessband pflanzen, das im Extremfall von Ende Mai bis Mitte Oktober reicht. Und es gibt sogar recht klein bleibende Arten, die als Kübelpflanze gehalten werden können und so auch kleinere Gärten schmücken.
Bei uns heimisch sind nur drei Lindenarten, die Sommerlinde (Tilia platyphyllos), die Winterlinde (T. cordata) und die Kreuzung aus beiden, die Holländische Linde (T. x vulgaris).
Alle drei sind mit bis zu 40m Höhe recht stattliche Bäume und können ein biblisches Alter von bis zu 1000 Jahren erreichen.
Die Unterscheidung ist an Hand der Blätter und Blüten im Sommer relativ einfach: die Sommerlinde hat grössere, schief herzförmige Blätter mit weissen Achselbärtchen auf der Unterseite und ihre Blütendolden enthalten 2-5 Einzelblüten. Sie ist auch die erste Linde, die aufblüht, je nach Wetter auch schon Ende Mai, meist aber spätestens Mitte Juni.
Die Winterlinde kommt etwa 1-2 Wochen später, besitzt kleinere, herzförmige Blätter mit braunen Achselbärtchen und deutlich mehr Einzelblüten pro Dolde, etwa 5-11 Stück.
Die Holländische Linde blüht etwa zeitgleich mit der Winterlinde, mit hellgelben Bärtchen und 3-7 Einzelblüten je Trugdolde.
Die Nektarabsonderung ist laut dem Experten Helmut Hintermeier sehr unterschiedlich, nicht nur je Temperatur und Bodenfeuchtigkeit, sondern auch je Tageszeit und Blühphase. Denn erst blühen die männlichen Anteile der Blüte, danach die weiblichen. In dieser weiblichen Phase kann der Nektarfluss und auch der Zuckergehalt mehr als doppelt so hoch sein wie in der männlichen Phase!
Im Tagesverlauf gibt es zwei Nektarspitzen: einmal vor sechs Uhr morgens mit 16-27% Zuckergehalt und eine abendliche Spitze zwischen 16 und 18 Uhr mit 50-80%. Warum Linden also abends besonders laut summen, dürfte damit geklärt sein!
Jedenfalls waren Linden schon im Mittelalter als Nektarlieferanten so geschätzt, dass sie als „des heiligen Römischen Reiches Bienenweide“ per Bann gegen das Fällen geschützt wurden.
Noch früher wurden sie bei den Germanen und Slawen sogar als heilige Bäume verehrt (während bei den Kelten die Eiche, bei den Franken die Ulme und bei den nordischen Völkern die Esche diese Ehre hatte).
Diese Verehrung überlebte auch die Christianisierung, denn die Linden blieben immer wichtige Bäume im Dorfgeschehen.
Unter den Linden wurde getanzt, geheiratet, aber auch Gericht gehalten. Und nach schrecklichen Zeiten wie Pestepidemien oder Kriegen wurden überall „Friedenslinden“ gesetzt, die heute zum Teil noch als riesige, von der Zeit gebeutelte Baumgiganten davon erzählen.
Die älteste Linde in der Schweiz ist wohl die bekannte „Linner Linde“ beim Dorf Linn im Jurapark Aargau. Sie wird mit rund 800 Jahren (plus minus 100) und einem Stammumfang von über 10m angegeben. Sie wurde angeblich um 1215 auf den Überresten mittelalterlicher Pestopfer gepflanzt.
Die angeblich älteste Linde der Welt (die „Tausendjährige Linde“) befindet sich in Schenklengsfeld/Deutschland und wird mit eventuell sogar 1250 Jahren angegeben. Beides sind Sommerlinden, wobei die älteste Schweizer Winterlinde mit über 700 Jahren auch nicht gerade ein Jungspund ist. Diese „Buchberger Marchlinde“ steht in der Nähe von Zürich.
Vielleicht wäre es wieder mal an der Zeit, mit ein paar Linden die Ortsbilder zu verschönern und ein Zeichen zu setzen. Statt Pestlinden eben mal Coronalinden, zukünftige Generationen würden sich bestimmt darüber freuen. Und dass Bäume die Umgebungstemperatur um bis zu 6 Grad senken können und dazu noch jede Menge Feinstaub binden, müsste man öfters bei den Gemeinden und Städten in Erinnerung rufen ...
Im Stadtbereich trifft man auch am ehesten auf die häufigste „eingewanderte“ Linde, die Silberlinde (T.tomentosa), die 2-4 Wochen später als unsere einheimischen Linden blüht.
Sie stammt ursprünglich aus Südosteuropa, bleibt etwas kleiner und verträgt die höheren Temperaturen und die Abgase in den Städten besser. Auffallend ist die silbern schimmernde Blattunterseite, die ihr ihren Namen gab und der Linde eine ungewöhnliche Fähigkeit verleiht: sie kann die Blätter drehen und mit der silbernen Unterseite die Sonne reflektieren, wenn sie ihr zu unangenehm wird.
Eine Weile war die Silberlinde bei Hummelfreunden schwer in Verruf, da zu ihrer Blütezeit oft sehr viele Hummeln tot am Boden lagen. Man vermutete, dass der Nektar giftig für Insekten sei. Erst eine Studie der Universität Münster klärte den Mordverdacht mit voller Entlastung der Angeklagten auf: die Hummeln waren durch fehlende Blüten in der Umgebung schlicht verhungert, die blühenden Bäume zogen zwar magisch an, konnten aber all die hungrigen Mägen nicht mehr ausreichend füllen. Die Insekten fielen also nicht dem Nektar zum Opfer, sondern der ausgeräumten, blütenarmen Landschaft.
Linden sind übrigens nicht nur durch ihren beliebten, grünlichen Honig für uns Imker wertvoll, auch das Holz war und ist zum Schnitzen sehr geschätzt und die Blüten als Tee gelten als schweisstreibend und Husten lindernd. Selbst der Bast wurde früher für Taschen, Seile und Kleidung benutzt, was kaum mehr bekannt ist.
Apropos Honig: die Linde ist bekannt dafür, dass sie dank reichem Blattlausbefall nicht nur während der Blüte honigt, sondern auch so manchen unwissenden Autobesitzer in den Wutanfall treibt, wenn wieder mal das ganze Fahrzeug klebt.
Während der Lindenblütenhonig eine eher helle, gelblichgrüne Farbe und ein deutliches Menthol-Aroma besitzt, ist der Lindenhonig eher blumiger und farblich dunkelgelb bis hinein in ein schönes Orange.
Wer ein Plätzchen im Garten oder am Bienenstand übrig hat, kann die Lindenblüte übrigens noch deutlich länger geniessen. Denn es gibt laut Bernhard Jaesch von der Gärtnerei Immengarten etwa 45 verschiedene Arten, die auch durch unterschiedliche Blühzeiten punkten. Wer da richtig in Sammlerstimmung gerät, der kann sich unter www.immengarten-jaesch.de unter „Lindensammlung“ genaue Blühzeitpunkte und auch Beschreibungen holen.
Wer aber schon mal die Silberlinde mit ins Boot holt und dann noch die Japanische Linde (T. kiusiana) plus die späteste aller Linden, Henrys Linde (T. henryana), der kann eventuell sogar noch Mitte Oktober den tollen Duft und das Summen geniessen!
Diese beiden Linden bleiben auch deutlich kleiner und können gut jahrelang in einem grossen Kübel die Terrasse verschönern.
Die Japanische Linde mit ihren kleinen, fast birkenartigen Blättern und hübschen Blütendolden erreicht zum Beispiel erst nach etwa 70 Jahren ihre maximale Höhe von 8-10m.
Die schönste Blüte hat allerdings die leicht grössere Henrys Linde: in dichten Büscheln stehen bis zu 170 stark duftende Einzelblüten, die nach und nach aufblühen und so bis zu 6 Wochen lang Bienen und Menschen erfreuen. Ein echter Hingucker im Garten, wenn sonst nur noch der Efeu und die Herbstastern blühen!

Margit Siegrist