Schlehe und Kirschpflaume
Nachdem der Januar 2021 doch recht kalt war und zudem sehr nass geendet hat, bleibt es auch in den Gärten nach wie vor sehr trist. Aber die Vorfreude auf die Blütenpracht ist gross und so greifen wir einfach vor im Jahreslauf der Blüten wie schon im Januar!
Dieses Mal möchte ich euch zwei „Zwillinge“ vorstellen, die nicht viele Leute auseinander halten können in der Blütezeit. Auch ich bin oft unsicher, wer da so schön in einer Hecke blüht ... eine Schlehe (Prunus spinosa) oder eine Kirschpflaume (Prunus cerasifera)?
Letztere kennt man in den Gärten meist nur als Blutpflaume „Nigra“ mit rot-glänzendem Laub und rosa Blütenpracht. Aber es gibt sie eben auch in reinweissem Blütenkleid und Dornen, der Schlehe zum Verwechseln ähnlich.
Die Nachkommen der Kreuzung dieser beiden Wildobstarten kennt dagegen jeder. Aus ihnen sind unsere Kulturpflaumen hervorgegangen, also Edelpflaumen, Zwetschgen und Mirabellen (Quelle H. Hintermeier).
Zuerst möchte ich euch gerne die Schlehe vorstellen, ein einheimischer Strauch, der früher viel stärker zum Landschaftsbild gehörte als heute.
Schon in der Steinzeit wurde die kleinen, blauen Früchte mit Sicherheit genutzt, denn genauso wie bei der (im letzten Monat vorgestellten) Kornelkirsche wurden viele Kerne in den jungsteinzeitlichen Pfahlbauten in Italien und auch in der Schweiz gefunden. In Sipplingen am Bodensee wurde sogar eine Kette aus ihren Samen gefunden, was doch eine - aus heutiger Sicht - ungewöhnliche Nutzung war.
In antiken Texten wird sie als Heilpflanze gelobt, kein mittelalterliches Kräutermanuskript kam ohne Schlehe aus und man bezeichnete sie als „entschiedenste Wohltäterin des Menschen“ (Wikipedia).
Auch die Bandbreite der Namen spiegelt ihre Bedeutung für die Menschen wieder: Schlehdorn, Schwarzdorn, Sauerpflaume, Heckendorn und deutsche Akazie wird sie genannt.
Jeder Teil der Pflanze wurde als Medizin genutzt, zur Blutreinigung, Anregung von Verdauung und Stoffwechsel und als Schmerzmittel. Sie wirkt adstringierend, harn- und schweisstreibend.
Die Rinde wurde nicht nur als Gerbstoff und als Zahnpulver verwendet, sondern stellte als mehrfach ausgekochter Sud, mit Wein vermischt, einer der gebräuchlichen Tinten im Mittelalter dar.
Zu der Zeit galt die Schlehe auch als ein Schutzgehölz gegen Hexen und mancher Weiler samt Weiden wurde damit umzäunt. Was nicht nur dunkle Mächte und unbeliebte Zeitgenossen dank der Dornen draussen, sondern auch das Vieh verlässlich innerhalb der Weiden hielt.
Das harte Holz wurde zu Drechslerarbeiten genutzt, z.B. für Spazierstöcke und die Blätter als Tee- und Tabakersatz.
Anfang des 17. Jahrhunderts kam dann noch ein neuer Verwendungszweck dazu: in sogenannten Gradierwerken rieselte schwache Sole über riesige Wände aus Schlehdornzweigen (sie sind durch den sparrigen Wuchs besonders dafür geeignet), um sie so durch Verdunstung zu konzentrieren und gleichzeitig Begleitmineralien wie Gips und Kalk zu entfernen. So konnte man das Salz besser gewinnen.
Auch heute gibt es noch Gradierwerke mit Schlehenzweigen, jetzt allerdings in Kurbädern. Das Tropfen der Sole auf den Zweigen erzeugt eine salzhaltige Luft, die bei Lungenleiden sehr heilend wirkt.
Dazu werden grosse Mengen an Schlehenzweigen aus anderen Ländern importiert, da sie bei uns durch die Flurbereinigung leider nicht mehr so häufig vorkommt.
Wenn man allerdings eine Top10 der besten Heckenpflanzen küren sollte, dann gehört die Schlehe ganz oben mit dazu!
Sie bietet mit ihrer frühen Blüte (bei uns begann sie 2020 schon Mitte März zu blühen) unseren Bienen und anderen Insekten eine wertvolle Nektar und Pollenquelle. Immerhin mit dem Pollenwert 3 und Nektarwert 2 (von 4 Stufen nach G. Pritsch) und schönen gelb-braunen Pollenhöschen.
Die Schlehe ernährt etwa je 20 Wildbienen- und Vogelarten und etwa 70 Schmetterlingsarten legen ihre Eier auf ihr ab, darunter so seltene wie der schöne Segelfalter (Zahlen von NABU).
Nicht nur, dass sie Vögeln und Kleintieren Schutz und Nahrung bietet, sie ist auch durch ihr weitläufiges Wurzelwerk eine ideale Pflanze zur Befestigung von Hängen und Böschungen … sie kann sogar als billiger Schutz gegen Schneeverwehungen verwendet werden, denn durch den dichten Wuchs bremst sie den Wind gut ab.
Ihr starker Drang zur Ausläuferbildung wird heutzutage durch die maschinelle Bearbeitung der angrenzenden Felder leicht in Zaum gehalten. Wer gar keine Ausläufer im Garten haben will, kann übrigens zu veredelten Sorten greifen und hat dann auch noch grössere und wohlschmeckendere Früchte. Diese kann man vielfältig verwenden: als Vitamin C-reiches Mus, Marmelade und Sirup zur Steigerung der Abwehrkräfte.
Aber auch zu Likör oder Schnaps sind die Früchte gut zu verarbeiten und dafür weithin bekannt.
Folgende Sorten sind für den Garten erhältlich:
- „Reto“: grössere Früchte (bis 2cm) mit früher Reife und mildem Aroma, etwa 2,5-3m hoch, wenig Dornen
- „Godenhaus“: grösste Früchte (bis 2cm) und stärkster Wuchs der Gartensorten, etwa 4m
- „Merzig“: aufrechter Wuchs mit wenig Dornen, Höhe etwa 2-3m, sehr gut geeignet für Schnaps und Liköre
- „Nittel“: die kompakteste und kleinste Sorte mit wenig Schnittaufwand, etwa bis 2,5 hoch und besonders aromatischen Früchten
- „Rosea“ und „Purpurea“: zwei rotlaubige Sorten mit rosa Blüten
- „Trier“: sie ist von Wuchs und Früchten der Wildform am ähnlichsten und doch etwas „gezähmt“. Wie bei der wilden Schlehe wartet man mit der Ernte der Früchte bis nach dem ersten Frost, der sie milder und süsser macht.

Nach der Schlehe, bei mir etwa eine Woche später, blüht die schon eingangs erwähnte Kirschpflaume. Ursprünglich kommt sie aus Westasien und wird vor allem in Russland oft als Obst angebaut.
Wenn man genau hinsieht, entdeckt man sie aber auch bei uns recht häufig verwildert in der Landschaft, denn sie wird schon lange im Obstbau als „Unterlage“ zur Veredelung von z.B. Zwetschgensorten verwendet.
Und auf diese Weise habe ich sie auch „entdeckt“, da bei einem Obstbaum in unserem Dorf die Edelsorte abstarb und die sogenannte Unterlage neu austrieb. Da der Besitzer sie erhalten wollte, schnitt ich sie zu einem kleinen Baum zurecht, der jedes Jahr überreich blüht und von allen Bienen umsummt wird. Nur was das war, blieb mir lange ein Rätsel ,.. es blühte wie eine Schlehe, hatte auch einige Dornen, die Früchte waren aber viel grösser und auch frisch essbar, eher wie wilde Renekloden.
Erst als ich die Kirschpflaume als Wurzelbasis für Kulturpflaumen kennen lernte, wurde die Sache klarer und ich suchte nach Kulturformen dieser Wildart für den Garten. Und es gibt sie tatsächlich relativ häufig, allerdings meist nur als rotlaubige Zierform („Nigra“ und „Atropurpurea“).
Erst wenn man dahinterkommt, dass dieser Baum oft vom Handel als „Wilde Mirabelle“ bezeichnet wird, findet man mehr.
Da die Bäume aber sehr robust sind und sehr ergiebig blühen, lohnt sich ein zweiter Blick auf die Sortenlisten der Baumschulen.  Ich habe noch folgende gefunden:
- „Trail Blazer“: grosse (5cm), bordeauxrote Früchte, bis 6m
- „Milanka“: grünlaubige Form, je nach Baumform 2-5m
- „Hessei“: eine Zierform mit gelb-weissen Blattrand und roter Mitte
- „Zloty Oblok“: eine Sorte aus Polen mit sehr feinen Früchten
- „Cherry Plum Fruit“ ist besonders hitze- und dürretolerant

Im Gegensatz zur Schlehe können die Früchte der Kirschpflaume (zumindest der Edelsorten) auch gut frisch verzehrt werden, eignen sich aber natürlich genauso für Konfitüren und Fruchtmuse.
Da die Kirschpflaume zeitlich versetzt zur Schlehe blüht (je nach Sorte und Herkunft wird in der Literatur ein früherer Zeitpunkt angegeben - meine beobachteten Kirschpflaumen blühen etwas später), lohnt sich die Anpflanzung mit Sicherheit. Denn der Nektar- und Pollenwert ist gleich zur Schlehe und die Attraktivität für Insekten sehr hoch.
Zusammen bilden diese zwei Wildobstsorten eine wichtige, längerfristige Nahrungsquelle für alle unsere Bienen, Wildbienen und Schmetterlinge ... und für uns Gartenbesitzer einen hohen Zier- und Nutzwert mit zwar ähnlicher Blüte, aber deutlich verschiedenen Früchten.
Und mit der Anpflanzung einer Schlehe kann man sehr viel zur Biodiversität unserer Landschaft beitragen, sie ist wirklich eine der wichtigsten Heckenpflanzen überhaupt, auch wenn sie sich mit ihren Ausläufern und Dornen nicht unbedingt ans Herz legt. Die Blütenpracht im Frühjahr gleicht das wieder locker aus ...

Margit Siegrist

Die Kornelkirsche (Cornus mas)
Im neuen Jahr möchte ich euch ein altbekanntes und doch etwas in Vergessenheit geratenes Wildobst vorstellen, das wirklich einen Platz in unseren Gärten und Hecken (und notfalls in einem Topf auf der Terrasse) verdient hat.
Momentan fällt es sehr schwer, sich überhaupt eine Blüte im Garten vorzustellen (jetzt beim Schreiben bläst ein eiskalter Ostwind ums Haus und lässt die frostigen Temperaturen noch unwirtlicher wirken) und auch die Kornelkirsche steht noch ohne Schmuck da ... aber ihre rundlichen Blütenknospen versprechen schon eine der frühesten Blütenwunder im Jahreslauf.
Fast jeder kennt Forsythien und Zaubernuss als erste Blütenpflanzen – aber leider bieten diese den ersten Insekten keinerlei Nahrung!
Ganz im Gegensatz zur Kornelkirsche (oder Tierlibaum, wie man hier sagt): Laut Günter Pritsch bietet diese einen Nektarwert von 3 und einen Pollenwert von 2 (von 4 Stufen) und das - je nach Wetter - im März oder April, im Jahr 2020 fing er sogar schon am 18. Februar bei uns an zu blühen!
Botanisch gehört der Tierlibaum übrigens zu den Hartriegelgewächsen (Cornaceae), was sich unschwer an seinen eiförmigen Blättern mit der typischen Aderung erkennen lässt – diese erscheinen allerdings erst nach der Blüte. Mit Kirschen (die zu den Rosengewächsen gehören) ist er also nicht näher verwandt.
Je nach Sorte wächst die Kornelkirsche zwischen 2 und 8m hoch, als Strauch oder als Baum, was man durch den Schnitt gut steuern kann.
Die Blüten sind aber immer typisch: kugelige, strahlend gelbe Dolden mit vier gelblich-grünen Hochblättern. Die Farbe der Pollenhöschen, die die Bienen in den Stock tragen, ist ein typisches etwas bräunliches Gelb.
Je nachdem, ob die ersten Weiden schon aufgeblüht sind, ist der Tierlibaum mehr oder weniger umschwärmt – letztes Jahr war er sehr gut besucht.
Der Tierlibaum trägt dann etwa ab August seine typisch oval-länglichen Früchte, meist in kräftigem Rot, es gibt allerdings auch gelbe Sorten.
Diese kann man im Haushalt breit verwenden, vom Frischverzehr (bei Zuchtsorten) bis Marmelade, Gelee und Saft.
Früher wurden die Früchte auch oft zum Ansetzen von Obstbrand verwendet, in Österreich ist der „Dirndlbrand“ auch heute noch sehr gefragt. Zudem wurden sie den Schweinen verfüttert oder als Köder den Fischen angeboten.
Seine vielfältige Verwendung und seine Wichtigkeit für die Versorgung der Bevölkerung spiegelt sich auch in den vielen Namen wieder, die der Strauch/Baum trägt: Dirndl, Herlitze, Dirlitze, Welscher Kirschenbaum, Gelber Hartriegel, Beinholz, Hornkirsche bis hin zur Ruhrbeere (wegen ihrer Verwendung zur Heilung der „Roten Ruhr“).
Aber nicht nur seine Früchte waren gefragt, auch der ganze Rest des Tierlibaumes stand hoch im Kurs!
Das Holz ist schwer, kaum spaltbar und gut zu polieren. Es wurde in neuerer Zeit in der Drechslerei und Wagnerei verwendet, für Radspeichen, Messergriffe, Spazierstöcke, Schusternägel, für Holzhämmer und Kämme.
Aber schon im Altertum wurde es (gemäss Wikipedia) wegen seiner Härte und Zähigkeit geschätzt, angeblich wurde schon das Trojanische Pferd aus seinem Holz gebaut. Ganz sicher aber war es der wichtigste Rohstoff für die Sarissen (bis zu 6m lange Lanzen), die unter anderem die militärischen Erfolge Alexander des Grossen möglich machten. In Dichtung und Geschichtsschreibung wurde die Kornelkirsche sogar als Synonym für Lanzen und Speere gebraucht, so klar war es, dass nur dieses Holz das Beste war.
Aber die Nutzung geht sogar noch weiter zurück, denn in jungstein- und bronzezeitlichen Siedlungen fand man teils beachtliche Schichten von Kornelkirschkernen. Wobei die Wissenschaftler vermuten, dass auch schon damals ein berauschendes Getränk aus den Früchten hergestellt wurde.
Auch die Rinde wurde genutzt – mit 7-16% Lohgehalt ist sie ein guter Gerbstoff. Und die Kornelkirsche liefert auch einen Farbstoff ... die alten, roten türkischen Fez wurden damit gefärbt, aber auch bei uns war sie als Färbepflanze bekannt.
Wer nun denkt, das wäre alles, wird erstaunt sein. Der Tierlibaum bietet noch mehr! Er wurde als Kaffeeersatz verwendet (er soll dem Wiener Kaffee sein vanilleartiges Aroma verliehen haben) und auch als Heilmittel.
Ein Bad mit dem Zusatz von Blättern und Rinde (ausgekocht) des Baumes soll gegen Gicht helfen, die Früchte bei Durchfall, Darmentzündung und Magenleiden.
Kein Wunder also, dass man heute auch wieder grosse Institutionen wie die Humboldt-Universität Berlin oder die Hochschule Weihenstephan in Deutschland mit der Erhaltung der Zuchtsorten beauftragt.
Auch in unseren Gärten sollte man sie in Betracht ziehen, denn sie ist ein Alleskönner. Man kann sie als Strauch oder Baum ziehen, aber auch als Formhecke (schon im Barock war sie so beliebt).
Sie nützt den Bienen und Hummeln, sie schenkt uns Blütenfreuden im ausgehenden Winter und Früchte für die Küche im Herbst. Aber auch den Vögeln ist sie Schutz- und Nährgehölz in einem! Und nicht nur Dompfaff, Kernbeisser, Kleiber und Eichelhäher haben Freude an diesem Baum, auch Siebenschläfer und Haselmaus schätzen ihn sehr.
Je nach Verwendungszweck gibt es verschiedene Sorten:
Wer nur nach dem ökologischen Nutzen schaut, der wird die Wildform dieses einheimischen Gehölzes setzen oder eine Zuchtform wie die Sorte „Golden Glory“, die durch Blütenfülle und kleineren Wuchs punktet.
Für die Küche gibt es eine ganze Palette von alten und neuen Sorten, da die Kornelkirsche von jeher auf Fruchtgrösse und -qualität ausgelesen wurde, teils schon von den alten Klostergärten.
„Schönbrunner Dirndl“ ist eine sehr reich tragende Sorte aus Österreich, die gut verzweigt ist und gross wird.
„Jolico“ ist ebenfalls reichtragend und bis 5m hoch.
Kleiner bleibt „Coral Blaze“, die sehr buschig bis etwa 3 m wächst. Noch kleiner ist nur „Kasanlaka“ mit 1,5 bis 2m.
Gelbe Früchte trägt z.B.“Yellow Molalla“.
Wenn man Kornelkirschen vermehren möchte, gibt es drei Möglichkeiten:
Einen Absenker (Zweig zum Boden biegen, teilweise eingraben und auf Wurzelbildung hoffen), Stecklinge aus noch weichem Holz oder Samen (die allerdings stratifiziert werden müssen, sonst braucht man 1-2 Winter Geduld).
Zuchtsorten wird man aber meist veredeln müssen, da auch die Kornelkirsche für guten Ertrag eine zweite in der weiteren Umgebung benötigt.
Was den Boden betrifft ist die Kornelkirsche recht anspruchslos, nur Staunässe und zu starke Trockenheit bekommen ihr nicht gut, vor allem den Zuchtsorten. Auch im Schatten steht sie nicht gerne, lieber sonnig oder zumindest halbschattig.
Übrigens kann ein Tierlibaum richtig alt werden! Ein 250 Jahre altes Exemplar steht laut Wikipedia in Eisleben-Helfta und in Rom soll es eine 800 Jahre alte Kornelkirsche geben haben, was aber vermutlich eher im Bereich der Mythen liegt.
Ich war jedenfalls bei der Vorbereitung dieses Artikels schwer erstaunt, was alles an Geschichten hinter meinem wunderbaren Frühlingsboten im Garten steckt ... ich hoffe, es geht euch ähnlich und ihr findet noch ein Plätzchen für ihn im Garten oder beim Bienenstand!

Margit Siegrist

Rundliche Blütenknospen jetzt momentan ...
Die Kornelkirsche (Cornus mas)

Die Garten-Ringelblume (Calendula officinalis)
Im Dezember fällt es schwer, an blühende Pflanzen zu denken, vor allem nach den letzten kalten und nebligen Wochen. Trotzdem findet sich noch die eine oder andere Blüte im Garten und mit ihrem strahlenden Orange fällt die Ringelblume natürlich bei diesem Wetter doppelt auf.
Im Sommer gehen die schönen Blüten immer ein wenig im bunten Durcheinander unter, aber jetzt haben sie ihren Soloauftritt. Leider im zweifachen Sinn, denn auch Insekten werden im Moment keine vorbei kommen - ausser der Dezember glänzt wieder mit der üblichen Warmphase kurz vor oder an Weihnachten, die zuverlässig alle Hoffnung auf weisse Weihnachten beerdigt.
Die Ringelblume gehört zu der Familie der Korbblütler, wie schon viele Bienenweidepflanzen, die ich euch vorstellen durfte. Ihr Blütenaufbau ist dementsprechend klassisch schön, mit langen Zungenblüten rundum, deren Farbe je nach Sorte von cremeweiss bis tieforange reicht. Es gibt auch Züchtungen mit mehr Blütenblättern bis hin zu komplett gefüllten Blüten, aber letztere wird man als Bienenfreund tunlichst vermeiden.
Die Ringelblume wächst meist einjährig, aber es gibt durchaus Pflanzen, die den Winter unbeschadet überstehen und auch im zweiten Jahr wieder blühen.
Sie wird etwa 30-50cm hoch, je nach Bodenverhältnissen und Standort, wobei sie Sonne und nährstoffreicheren Boden vorzieht. So wandert sie meist in meinem Gemüsegarten umher, da ihr die Staudenbeete nicht mehr genug offenen Boden bieten. Nicht nur, dass die Blumen zwischen dem Gemüse wunderbar aussehen, sie nutzen ihm auch und sollten schon rein deshalb geduldet werden. Ringelblumen vertreiben nämlich kleine Fadenwürmer (Nematoden), die den Wurzeln der Gemüsepflanzen schaden und zur Bodenmüdigkeit beitragen, bei der die Nutzpflanzen trotz guter Versorgung nicht mehr richtig wachsen wollen.
Ist ein schon lange genutzter Garten auf diese Weise ausgelaugt, hilft neben der Versorgung mit gutem Kompost der Anbau einer Gründüngungsmischung mit Ringelblume und Tagetes.
Auch die Kornrade zeigt diese Eigenschaft, genauso wie die Acker-Ringelblume, die wilde Schwester unserer Garten-Ringelblume. Sie zählen wie der bekanntere Klatschmohn und die Kornblume zu den ursprünglichen Acker-Beikräutern, sind aber im Gegensatz zu ihnen gefährdet und gebietsweise schon verschwunden.
Dagegen sind die Garten-Ringelblumen noch weit verbreitet und im eigenen Garten auch leicht anzusiedeln. Es reicht, einige der sichelförmigen rauen Samen in den Beeten zu verteilen, den Rest macht die Ringelblume selbst. Nicht umsonst heisst sie im Volksmund auch Wucherblume, wobei sie nie lästig wird und an unpassenden Stellen mit einem Handgriff entfernt ist.
Ich entferne auch immer die zu blass blühenden Pflanzen, da ich eine kräftige Farbe schätze. Schnell hat sich ein kräftiges Gelb oder Orange bei mir eingestellt, so wie ich es gerne habe.
Die Blütenblätter kann man übrigens zu Tinkturen und Salben verarbeiten, die man bei schlecht heilenden Wunden, Entzündungen der (Schleim)Haut und Bibeli einsetzen kann (und sogar bei Geschwüren im Magen-Darmtrakt soll die Ringelblume helfen).
In Tees wird die Ringelblume oft als schmückendes Element eingesetzt, da die kräftige Farbe auch beim Trocknen erhalten bleibt. Laut Wikipedia wird die Ringelblume feldmässig in Deutschland, Niederlande, Ägypten, Polen, Ungarn und in den Balkanländern angebaut, da sie auch in der Lebensmittelindustrie gerne als Färbemittel eingesetzt wird (z.B. für Käse und Butter).
Die ursprüngliche Herkunft der Ringelblume liegt übrigens vermutlich im Mittelmeerraum, wie so viele Pflanzen ist sie mit dem Menschen in unsere Gegend gekommen. Und die Menschen haben ihr im Laufe der Zeit ganz unterschiedliche Namen gegeben wie Sonnwendblume, Goldblume, Butterblume oder Ringeli.
Auch einiger Aberglauben rankt sich um sie, so soll das Abreissen der Blume Gewitter herauf beschwören oder eine Zubereitung aus der Blüte den zukünftigen Ehegatten weissagen.
Auch eine Regenvorhersage lässt sich mit der Ringelblume machen: Ist die Blüte schon am frühen Morgen offen, wird es wohl trocken bleiben. Bleibt sie fest geschlossen, nimmt man besser den Regenschirm mit.
G. Pritsch weist der Ringelblume in seinem Buch „Bienenweide“ übrigens den Nektar- und Pollenwert 2 zu (von 4 möglichen Stufen), die Pollenhöschen sind kräftig orange.
Durch die offene Blütenform ist der Nektar der Ringelblume leicht zugänglich und auch für kurzrüsselige Insekten wie Schwebfliegen leicht erreichbar.
Gerade mit der momentanen Diskussion über die Wiederzulassung bestimmter Neonicotinoide im Zuckerrübenanbau lohnt sich vielleicht der Hinweis, dass Schwebfliegen mit ihren Larven effiziente Blattlauskiller sind. Aber wo keine Blume mehr blüht, da kann auch keine Schwebfliege überleben, geschweige denn Eier legen.
In dem Zusammenhang möchte ich auf den Artikel „Leere Reusen“ im letzten „Bienenjournal“ 12/2020 hinweisen.
Kurz erzählt: es wurden auf der Schwäbischen Alp in den 1970er Jahren in einer Stunde bis zu 10 000 wandernde Schwebfliegen gezählt, rund 50 Jahre später in der gleichen Zeit schlappe 290 Individuen!
Eine sehr traurige Feststellung, die sich aber in andere Studien über den Insektenrückgang einreiht und sie so bestätigt. Und eine gigantisches Bestäubungs- und Blattlausbekämpfungspotential, das einfach so verschwindet ... ohne, dass es lange Zeit überhaupt bemerkt wurde!

Margit Siegrist

Garten-Ringelblume (Calendula officinalis)

Das Ramtillkraut (Guizotia abyssinica)
Nach diesem doch recht kalten und nassen Oktober 2020 möchte ich euch im November eine schöne „sonnige“ Blüte vorstellen, der man hier im Seebezirk momentan ausgesprochen häufig in Gründüngungsmischungen begegnet - auch wenn sie wegen dem kalten Wetter nicht so auffällig zur Blüte gekommen ist, wie es hätte sein können.
Das erste Mal bin ich ihr im warmen Oktober 2017 begegnet, in voller Blüte und voller Bienen. Damals kannte ich die Pflanze noch überhaupt nicht und erst unser damaliger Vereinspräsident verriet mir den Namen dieser Schönheit.
Sie stand in Reinkultur direkt neben einem - ebenfalls voll blühenden - Phaceliafeld und erstaunlicherweise waren sogar mehr Bienen auf der sonnengelben Guizotia unterwegs als auf dem blauen „Bienenfreund“!
Gross bekannt ist die Pflanze trotzdem bis heute nicht als Gründüngung ... was wohl auch daran liegt, dass die Phacelia sehr verträglich mit nachfolgenden Kulturen ist, während das Ramtillkraut nicht vor Raps, Rüben, Karotten und Sonnenblumen empfohlen wird. Bleiben also Getreide, Kartoffeln und alle Leguminosen wie Erbsen und Bohnen.
Der grosse Vorteil von Guizotia ist die Frostempfindlichkeit, es friert zuverlässig ab, auch wenn der Winter seinem Namen - wie der letzte - nicht gerecht wird.
Das ist auch der Grund, warum Ramtillkraut kaum verwildert zu finden ist, auch wenn es Ruderalflächen wie Strassenränder besiedeln könnte. Es bildet in unserem Klima nur selten Samen und ist den einheimischen Pflanzen hoffnungslos unterlegen.
Ursprünglich kommt es nämlich aus dem warmen Afrika, laut Wikipedia von Äthiopien bis Malawi und wird heute vor allem dort und in Indien, Pakistan, Birma und Nepal kultiviert.
Der Guizotiasamen ist sehr protein- und fettreich und wird zur menschlichen Ernährung genutzt oder - bei uns in Europa - als Vogelfutter. Im Aussehen wirkt er fast ein bisschen wie ein verhungerter Sonnenblumenkern ... schwärzlich, kantig und etwa 4mm lang. Das daraus gewonnene Öl wird zum Seifensieden oder zur Herstellung von Farben verwendet, aber auch medizinisch zur Linderung von Rheuma.
Benannt wurde die Pflanzengattung mit 6 Arten nach dem französischen Politiker und Historiker Pierre G. Guizot und gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae), von deren bekanntesten Vertretern ich im Artikel letzten Monat erzählt habe.
Über Nektar- und Pollenwert habe ich leider keine Aufzeichnungen gefunden, aber ihre Attraktivität auf Bienen spricht für sich.
Eine Gründüngungsmischung mit Phacelia & Sonnenblumen sieht jedenfalls farblich sehr schön aus und kann auch mal einen Hausgarten bereichern! Gerade wenn der Gemüsegarten (oder deren Besitzer/-in) eine Pause braucht, wäre das eine schöne Einsaat. Sie friert im Winter gut ab und kann dann abgeräumt oder -am besten gehäckselt - in den Boden eingearbeitet werden. So wird der Bodenmüdigkeit vorgebeugt, der Humusanteil (und damit die Fähigkeit des Bodens Wasser zu speichern) erhöht, das Bodenleben freut sich ... und im Sommer vorher sowohl alle Insekten als auch das Auge des Besitzers.

Margit Siegrist

Guizotia im Herbst 2017 in voller Blüte und voller Bienen
... und dieses Jahr weniger auffällig in einer Grün-düngungsmischung mit Phacelia