Wildtulpen (Tulipa)

Die meisten denken bei dem Wort „Tulpen“ sofort an die heute weit verbreiteten, meist nektarlosen und damit für Bienen gar nicht interessanten knallbunten Hybridsorten, die im Frühjahr überall als Blumenstrauss angeboten werden oder in den Gärten wachsen.
Ganz anders dagegen ihre „wilden Verwandten“, wie sie ursprünglich in der Natur vorkommen: sie offerieren neben dem Pollen auch Nektar und werden von den Bienen gerne besucht. Ihre Blüten sind einfacher und klarer gehalten, aber nicht weniger bunt. Die Rede ist von sogenannten „Botanischen Tulpen“, umgangssprachlich auch „Wildtulpen“ genannt.
Zudem sind sie viel robuster als die Zuchttulpen, weniger anfällig für Pilze und verbreiten sich gerne willig im Garten, wenn ihnen der Platz zusagt.
Ursprünglich bei uns beheimatet ist allein die Weinberg-Tulpe (T.sylvestris), die in strahlendem Gelb daherkommt und über die ganze Schweiz verbreitet ist. Mit Blaustern und Krokussen zusammen bildet sie schöne Farbklekse im Rasen, wenn er denn genügend spät (nach dem Einziehen des Laubes) gemäht wird.
Oft angeboten werden auch:
- die Kreta- oder Felsentulpe (T. Saxatilis) rosa mit gelber Mitte
- die-Tulpe (T.kaufmannia) weiss mit gelber Mitte
- die Sonnenauge-Tulpe (T.agenensis) in knallrot mit schwarz-gelber Mitte
- die Gnomen-Tulpe (T.turkestanica) mit sternartigen weiss-gelben Blüten auf langen Stielen
- die Damen-Tulpen (T.clusiana) in edlem Rot-Gelb
- die Leinblättrige Tulpe (T.linifolia) in schlichtem Rot
- die Stern-Tulpe (T.tarda) in Gelb mit weissem Rand
Anhand dieser kleinen Auswahl könnt ihr euch vorstellen, dass es für jeden Geschmack und Garten eine passende Wildtulpe gibt! Sie lieben einen sonnigen Platz ohne Staunässe, aber auch unter Laubbäumen scheinen sie sich notfalls wohlzufühlen. Hauptsache genug Licht im Frühjahr bis sie die Blätter eingezogen haben. Die blühende Zwiebel stirbt nämlich ab, nicht ohne eine neue Zwiebel an einer der Zwiebelschuppen zu bilden. Deshalb ist es so wichtig, dass man das Laub nicht zu früh abschneidet! In den restlichen Zwiebelschuppen bilden sich meist auch noch kleine Tochterzwiebeln, die man zur Vermehrung nutzen kann. Zwar bildet die Tulpe auch Samen in typischen, walzenförmigen Kapselfrüchten, da diese aber 7-10 Jahre (!) bis zur Blüte brauchen, werden sie üblicherweise nicht verwendet.
Vermutlich haben die Türken die Tulpen bei den Persern oder in den Steppen Westasiens entdeckt und haben sie dann über Wien nach Mitteleuropa gebracht. In den Niederlanden, einem der Hauptexportländer, werden heute jedes Jahr über 2 Milliarden Tulpenzwiebeln produziert und exportiert ... die Schnittblumen nicht mitgezählt.
Spätestens in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kamen sie dort an und sorgten für die erste dokumentierte Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte. Um 1630 wurden Tulpenzwiebeln dort zu horrenden Preisen gehandelt, die teuerste dokumentierte Zwiebel brachte 10 000 Gulden, etwa so viel wie eines der teuersten Häuser an den Grachten in Amsterdam! Das durchschnittliche Jahreseinkommen betrug damals etwa 150 Gulden.
Bis in die untersten Gesellschaftsschichten waren damals alle an der Spekulation um die Tulpen beteiligt ... als die Blase 1637 platzte, war das Leid darum gross, da viele Beteiligte in den Ruin stürzten und auch die Wirtschaft schweren Schaden nahm.
Heutzutage sind Tulpen richtige Allerweltspflanzen und das Risiko der Fehlspekulation besteht glücklicherweise nicht mehr. Also im Herbst daran denken, ein paar Wildtulpen-Zwiebeln im Garten zu stecken, damit Bienen und Hummeln im Frühjahr etwas zu naschen haben!

Margit Siegrist